Ohne VSCO in die analoge Zukunft

VSCO (Visual Supply Company), der Hersteller von analogen Filmemulationen für Lightroom und Photoshop, stellte im März 2019 die Distribution seiner Presets für den Desktop ein. Man wolle stets »in die Zukunft blicken«, weshalb man sich ab jetzt ausschließlich auf die Entwicklung digitaler Produkte für Mobilgeräte konzentrieren wolle, so heißt es im offiziellen Statement. Das ist aus wirtschaftlicher Sicht nicht weiter verwunderlich, denn die Instagram-Community ist im Zuge des aktuellen Retro-Hypes verrückt nach den Bildlooks der klassischen analogen Filme. Und mit diesen Userwünschen lässt sich massig Geld verdienen – so viel, dass der Aufwand für den Desktop-Workflow schlicht und einfach nicht mehr lukrativ ist.

Einer von vielen VSCO-Fanatikern

Ich muss ehrlich gestehen: VSCO hat mich mit seinen Lightroom-Presets für analoge Filme zu einem fanatischen Jünger gemacht. Umso niedergeschlagener war ich, als ich mir eines Morgens im Webshop mal wieder ein neues der sieben Preset-Pakete gönnen wollte. Da hieß es einfach nur in fetter serifenloser Schrift: »Retiring Desktop Presets«. Herz in der Hose, langes Gesicht, Ratlosigkeit – bitte, was?

Ich loggte mich in mein Kundenkonto ein, konnte dort aber weder meine bisherigen Käufe erneut laden noch meine Lizenzschlüssel einsehen. Nach kurzer Recherche stand es dann unumstößlich fest: Es wird in Zukunft definitiv keine Presets von VSCO für Adobes Desktopapplikationen Lightroom und Photoshop mehr geben.

VSCO als integraler Bestandteil meines Bildlooks

Das ist schade – und vor allem ärgerlich. Denn in den letzten Jahren kamen für all meine Projekte von Porträt über Reise, Street, Editorial bis hin zur Dokumentarfotografie ausschließlich verschiedene Presets von VSCO zum Einsatz. Ich habe in die Entwicklung meines fotografischen Personalstils wohl mehrere hundert Stunden investiert. Und das alles auf der Basis der Filmemulationen von VSCO, die ich nach meinen Bedürfnissen und ästhetischen Positionen modifiziert und individualisiert habe.

So haben sich über die Jahre hinweg Dutzende verschiedene Looks angesammelt, ein jeder für seinen spezifischen Einsatzbereich optimiert. Ein Klick, und der gewünschte Look ist da – nur noch ein paar feine Entwicklungseinstellungen wie Vignettierung, Belichtung, Kontrast, Lichter und Schatten sind dann zu optimieren.

Warum mich das VSCO-Aus so hart trifft

Aus welchen Gründen aber tangiert mich der eingestellte Vertrieb der VSCO-Desktop-Presets nun so sehr? Ganz einfach: Sie sind zu einem nicht mehr wegzudenkenden Bestandteil innerhalb meines Workflows vom rohen RAW bis zum fertigen JPG geworden. Nun möchte ich sie aus den folgenden zwei Gründen nicht mehr nutzen.

1. Nachhaltigkeit und Updates

Natürlich kann ich auch nach dem Aus der Desktop-Presets die bereits erworbenen Versionen und auch meine eigens erstellen Presets weiterhin benutzen. Um aber den Look eines bestimmten Filmes möglichst korrekt abbilden zu können, arbeitet VSCO mit Kameraprofilen, die speziell auf die gängigen Hersteller und deren Kameramodelle abgestimmt sind.

Kameraprofile legen fest, wie Lightroom die Farben des Kamerasensors interpretiert. Für den charakteristischen Look eines VSCO-Presets sind die Kameraprofile konstitutiv. Fehlt das Kameraprofil für ein VSCO-Preset, wird das interne Standardprofil von Lightroom angewandt – was zu unerwünschten, vor allem farblich verfälschten und auch optisch unzulänglichen Ergebnissen führt.

Fakt ist: Ohne das passende VSCO-Kameraprofil können die VSCO-Presets nicht sinnvoll genutzt werden. Jedes einzelne Kameramodell benötigt ein eigenes Profil, und da in der Zukunft keine neuen Profile von VSCO generiert respektive die bestehenden Profile aktualisiert werden, sind zukünftige Kameramodelle mit den aktuellen Presets nicht mehr kompatibel.

Wenn man also weiterhin seine Presets auch mit neuen Kameras benutzen möchte, muss man einen gewissen Einbruch im personalen Bildlook hinnehmen. Für viele Fotografen – auch für mich – ist aber die visuelle Konsistenz ihrer Arbeiten von großer Bedeutung. Eine weitere Nutzung der aktuellen Presets hat mit der nachhaltigen Erstellung von Content demnach wenig gemein.

2. Stilistische Weiterentwicklung

Insgesamt hatte VSCO sieben verschiedene Preset-Pakete mit jeweils eigenem Charakter im Portfolio. Ich besitze lediglich zwei davon, die sich für einen natürlichen Bildstil eignen. Mit den anderen fünf (etwa die Polaroid-Emulationen) hätte ich früher oder später prinzipiell schon gerne experimentiert. Dadurch, dass ich von VSCO keine weiteren Leistungen erwerben kann, bin ich – insofern ich beim System der Firma bleiben möchte – in meiner stilistischen Weiterentwicklung stark eingeschränkt und muss mit dem Material arbeiten, das ich bis dato gekauft habe.

Berechtigte Stimmen werden an dieser Stelle einwenden: Benutze doch einfach deine gekauften Presets weiter und kaufe dir neue von anderen Herstellern hinzu! Ein möglicher Lösungsansatz ist das sicherlich. Aber ein Maler wechselt schließlich auch nicht für jedes neue Bild den Hersteller seiner Ölfarben. Warum? Weil diese Inkonsequenz im Endergebnis sichtbar ist.

3. Mehrarbeit für mich

Die beiden vorangegangenen Ausführungen haben eine logische Konsequenz. Ich muss den Anbieter wechseln, wenn ich mittel- und langfristig auf einen homogenen Personalstil setzen möchte. Das bringt nicht nur neue finanzielle Ausgaben mit sich. Mit den Presets des neuen Anbieters muss ich mich auseinandersetzen und muss Zeit und Mühe investieren, um sie meinen Bedürfnissen anzupassen.

Fazit

Ein anderer Preset-Anbieter für Filmemulationen

Ich möchte nicht auf den Look analoger Filme verzichten. Auch in Zukunft nicht. Aus den genannten Gründen habe ich gleichzeitig keine Lust, mit VSCO weiterarbeiten. Da bleibt mir über kurz oder lang nur der komplette Wechsel zu einem anderen Preset-Anbieter, von denen es zuhauf unseriöse und wenig seriöse gibt. Natürlich wird auch dieser Cut für den ein oder anderen sichtbar sein. Aber ich arbeite wenigstens mit der Gewissheit, auch in Zukunft visuell konsistente und stilistisch einheitliche Fotos abzuliefern.

Von Lightroom zu Capture One

Schon lange bin ich von der schlechten Performance und einigen fehlenden Funktionen in Lightroom genervt. Immer wieder hatte ich überlegt, zum RAW-Converter Capture One zu switchen. Was mich aber davon abhielt: Meine VSCO-Presets, die nicht übertragbar und ausschließlich in Lightroom nutzbar sind.

Da ich für künftige Projekte VSCO nun ohnehin aus meinem Workflow verbannen werde, bietet sich ein Wechsel jetzt mehr denn je an, denn bei Adobes Lightroom hält mich nun nichts mehr. Naja, vielleicht doch. Schließlich brauche ich Photoshop und andere Adobe-Applikationen immer noch. Und wie wir wissen, gibt es Adobes Apps nur in Bundles und Abos… Ob ich zusätzlich zum Adobe-Abo ein zweites Abo für Capture One abschließen möchte, obwohl ich ohnehin schon für Lightroom zahle? Mal sehen.

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